Photos (by Philipp Nyffenegger)


Hungry "Berlin" Hearts

9. Juli 1995

REPRINT aus DAN # 18/19:


Über diesen Auftritt zu schreiben fällt mir unheimlich schwer. Da waren so
viele Gefühle, Empfindungen und erfüllte Erwartungen, dass es mir
unmöglich ist dies in Worte zu packen. Ein Indiz dafür, dass es wirklich
ein unsagbar guter Auftritt war, scheint mir darin zu bestehen, dass meine
sehr hohen Erwartungen in einen Clubgig von Bruce nicht enttäuscht
wurden. Ich weiss nicht was hätte besser sein können, ausser dass er
noch Dies und Das gespielt hätte. Nach dem Gig kamen unserer
Schweizer Delegation noch Dutzende Songs in den Sinn, die wir alle
auch noch hören wollten. Wenn man aber die Setlist etwas genauer
anschaut, entdeckt man schon einige Highlights, die man zuvor nicht mal
zu hoffen gewagt hätte.

Einige Songs im Detail:
DOWN THE ROAD A PIECE - kam völlig überraschend. Ansatzlos
rockte der Song in den Club. Angehängt an das zweite Hungry Heart
eröffnete diese Töne alle Möglich-keiten dieses Abends. Die nun
bestätigte Gewissheit, dass Bruce es wohl nicht nur beim eigentlichen
Grund; dem internieren des Videoclips Hungry Heart belassen wird. Und
was für ein Opener für die Bonussongs!!! Letztmals rockte Springsteen zu
diesen Klängen Anfangs der Siebziger. Der von Don Raye für Chuck
Berry geschriebene Song gehörte zum Repertoire der Bruce Springsteen
Band. So rockig mitreissend wie in Berlin habe ich den Song allerdings
noch nie gehört.

BOOM BOOM - John Lee Hooker's Klassiker wurde von Springsteen im
grossen Stil schon für die Tunnel Of Love Tour zelebriert. Das war für
mich damals einer der Highlights und der Beweis für die Güteklasse von
Bruce's Covers. Die Intensität des stampfenden Beats in einem Club war
nochmals eine Steigerung. Auch bemerkte ich bei diesem Song die
Klasse der Band. Einigermassen überrascht stellte ich fest, dass die Band
voll mithalten konnte. Der Sound kam knochentrocken daher, man sah
allen die grosse Spielfreude an.

HONKY TONK WOMEN / JUMPIN' JACK FLASH - Für mich als alten
Stones Fan war es immer schon ein Herzenswunsch Springsteen einmal
live einen Jagger/ Richards-Klassiker spielen zu sehen. Dass dies
überhaupt noch in Erfüllung ging und dann gerade noch im
Doppelpack... great !! Vor allem bei Honky Tonk Women war die Menge
ausser Rand und Band. So eine Euphorie habe ich noch nie erlebt. Ich
muss gestehen ich habe nicht viele Details von Springsteen's Gesang
mitbekommen. Das Volk hat vollhals mitgesungen, die Fäuste schossen
gen Himmel und Magie lag in der Luft. Es war völlig crazy...
PS: Honky Tonk Women hat Springsteen meines Wissens auch schon
seit Urzeiten nicht mehr vor Publikum gespielt. Seinerzeit als Teil des
Dancing In the Streets-Medley mit Steel Mill (1970/71)

KNOCKIN' ON HEAVENS DOOR / HIGHWAY 61 REVISITED - Die
erwartete Dylanphase. Jeder hat gedacht, dass es wohl den einen oder
anderen Dylan-Song diese Nacht zu hören gibt. Schliesslich ist Wolfgang
Niedecken's neues Album voller Dialektversionen des grossen Meisters.
Zudem hat auch Bruce schon einige Tribute an Dylan live auf der Bühne
gebracht. Die Auswahl der Songs überrascht vor allem bei Knockin' ...
Der Song kam viel fetziger daher als jede bisher gehörte Version. Nach
Bruce teilten sich auch Ken Taylor, Bertram Engel und zuletzt auch
Wolfgang Niedecken je für eine Strophe den Lead-Gesang.
Niedecken sang seinen Part in einer Kölner- Dialektfassung, danach
kam wieder Bruce an die Reihe, was schon ganz besonders Funny war.


THUNDER ROAD - Springsteen's Klassiker lag plötzlich in der Luft.
Noch hatte er eben seine Gitarre nachgestimmt, schon schnitt die erste
Phrase durch die Nacht. Bruce solo, mit der elektrischen Gitarre, ohne
Mund-Harmonika.
Verdammt viel Gefühl, so intensiv ........ phantastisch. Der einzige ruhige
Punkt im Set des Abends.

GLORY DAYS - Naja... Party! Hätte persönlich diesen Song gerne durch
einen anderen Springsteen-Heuler ersetzt. Kam aber einiges besser rüber
als mit der 92/93er Tourband.

TWIST & SHOUT - Oohh yeahh!! Let's shake our bodys...
Traditioneller Show-Closer. Wie heisst es so schön... wenn's am
schönsten ist soll man aufhören...

Das Publikum war völlig losgelöst. Vielen sah man an, dass sie ihr Glück
noch gar nicht richtig fassen konnten. Die Temperatur im Café stieg in
bedrohliche Höhen, trotzdem riss der Auftritt alle mit. Nur während den
Breaks bemerkte man den Durst und den Blutdruck. Und doch hätte
wohl niemand seinen Platz verlassen, auch wenn Bruce noch eine
weitere Stunde gejammt hätte.
Die Menge vor dem Lokal beneideten wohl alle im Innern des
Rockkessel. Dort waren aber sicher auch einige Leute, die sich
zumindest in der Pause gerne mal nach draussen gebeamt hätten.
Natürlich gab aber niemand seinen Platz frei...

Zuletzt danke ich noch allen Leuten, die diesen Konzerttrip für mich
möglich gemacht haben. Ihr habt was zugute...
by Silvio Sidler