Bruce Springsteen: Live in Cleveland

at the concert for the Rock'n'Roll Hall Of Fame / September 2nd. 1995

REPRINT AUS DRIVE ALL NIGHT # 18/19:

Dies war wohl Springsteens Konzert! Bruce hatte am meisten
Bühnenpräsenz von allen! Er war bei nicht weniger als acht Songs auf
der Bühne! Bob Dylan war beispielsweise bei fünf Songs auf der Bühne,
Melissa Etheridge ebenfalls. Aber das seht ihr ja alles auf der kompletten
Songliste. Hier geht es nur um Springsteens Auftritte.

Das Konzert begann schon ausgezeichnet gut! Kurz vor 19.30 Uhr
kamen die E Street Band, Bruce und Chuck Berry auf die Bühne. Punkt
halb acht eröffnete Chuck Berry das Marathonkonzert mit dem Gitarrenriff
zu seinem Klassiker "Johnny B. Good". Die komplette E Street Band (incl.
Nils, Steve und Patti) lieferte den perfekten Sound, ohne dass sie dieses
Stück jemals alle zusammen geprobt hätten! Max Weinberg meinte dazu
in einem Interview trocken und treffend: "Wenn Du 'Johnny B. Good'
üben musst, um es mit Chuck Berry zu spielen, dann hast Du an diesem
Konzert nichts verloren!".

Bruce und seine Jungs waren alle sehr beeindruckend! Als Bruce ein
Gitarrensolo fertig gespielt hatte, schaute er fragend zu Berry, ob er es
wohl auch richtig gemacht hatte. Chuck Berry nickte, worauf Bruce'
Gesicht von einem Strahlen befallen wurde, dass ihn wie ein kleines Kind
ausehen liess, dessen Weihnachtstraum in Erfüllung gegangen ist! Dies
war Bruce’s erster Streich.

Dreieinhalb Stunden später kündigte der Stadionsprecher an: "Ladies
and Gentlemen, from Asbury Park, N.J., Bruce Springsteen and the E
Street Band!". Die Jungs legten los mit einer schwerfälligen Version von
"Shake Rattle and Roll". Darauf begann Max mit dem altbekannten Bo
Diddley-Beat. Ja, es war wahr, es folgte tatsächlich "Hey Bo Diddley /
She's The One"! Unglaublich! Und ich durfte das aus der 15. Reihe
miterleben (Thanks again, Dave and Käthi). Das komplette Publikum hielt
es nicht mehr auf den Stühlen aus - alle standen auf und tanzten und
sangen mit. Dann kündete Bruce den Killer himself an, "the man who
doesn't play Rock'n'Roll, he is Rock'n'Roll - Jerry Lee Lewis". Der Killer
stürzte die Band in die alten Klassiker "Great Balls Of Fire" und "Whole
Lotta Shakin' Goin' On". Alle E Streeters konnten nur noch staunen! Sie
bewunderten Jerry Lee Lewis, als ob er eine Art Gott sei, ehrfürchtig und
respektvoll. Fast noch etwas extremer als bei Chuck Berry! 

Als der Killer die Bühne verliess, dachte ich, das sei jetzt wohl
Springsteens Part gewesen. Falsch! Es folgte noch die absolute
Hammer-Version von "Darkness On The Edge Of Town". Bruce schreite
es laut heraus, dass es die ganze Welt hören konnte, dass er auf dem
Hügel sein wird und alles mit sich haben wird! Dies war für mich das
beste "Darkness" aller Zeiten! Nach diesem Song war dann definitiv
Schluss mit Springsteens Part, aber noch nicht mit Springsteen selber!
Eine Stunde später rief Dylan nach vier Songs Springsteen auf die
Bühne. Zusammen brachten sie "Forever Young" zum Besten. Wowwww!
Standen da zwei Götter auf der Bühne oder was? Diese Ausstrahlung
der beiden, dieser Song, diese Magie in der Luft, die ganze Atmosphäre,
alles war einfach umwerfend, atemberaubend! Dies war Springsteens
zweitletzter Auftritt. Zum letzten Mal kam Springsteen bei der letzten
Gelegenheit auf die Bühne. Er wollte es sich nicht nehmen lassen,
nochmals mit Chuck Berry zu spielen. Dieses Finish war wohl nicht gross
geplant (Melissa Etheridge musste sich einen Stecker für ihre Gitarre
suchen, Nils Lofgren wollte die Gitarre tauschen, Bruce hatte keine
Ahnung was da überhaupt gespielt wurde). Anyway, Chuck Berry
eröffnete einfach mal mit "Rock'n'Roll Music", der Rest ergab sich dann
schon irgendwie. Springsteen blieb dabei eher im Hintergrund. Es ging
wohl eher darum, einfach nochmals mit dem Meister zusammen auf der
Bühne zu stehen. Und das klappte wenigstens! Alles andere schien
dabei keine grosse Rolle zu spielen. 

Nach sieben Stunden Rock'n'Roll, Soul und Funk hatte ich Durst und
musste zuerst etwas trinken. Während dem Konzert hätte man ja etwas
verpassen können! Bruce und die E Street Band waren souverän,
machten den Abend fast zu "ihrem" Konzert! Schon wieder, zum zweiten
Mal in diesem Jahr, war ich im "Rock'n'Roll Heaven". Bleibt mir nur noch,
all den Musikern zu danken, die an diesem unvergesslichen 2.  Sept.
1995 auf der Bühne waren und mir meine besten sieben
Stunden am Stück in meinem Leben besorgten!

by Philipp Nyffenegger


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