Das gelobte Land

Bruce Springsteen, 2. Mai ’96 / Kongresshaus, Zürich, Schweiz

Kann ein Vogel fliegen? Schwimmen Fische? Wirkt Springsteens Magie
auch akkustisch? Die Antworten sind so selbstverständlich bejahend,
wie die Fragen blöd sind. Ohne Pomp, ohne Band und ohne megastarke
Lichtshow zeigt sich Bruce, auf der aktuellen "Tom Joad" Tour,
vermeintlich verletzlich. Wer ihm aber an diesem Abend zusieht und
zuhört, erkennt bald den einsamen Wolf im Schafspelz. Springsteen ist
stärker denn je, unglaublich wie er sein durchaus gemischtes Publikum
im Griff hat. Seine Waffen sind die Gitarren, die im Halbkreis herum, um
den Sänger in den Arbeiterjeans, aufgestellt sind. Seine Botschaften
bringt er mit überzeugender Stimme in das 1600-köpfige Publikum im
Zürcher Kongresshaus.

Mit "The Ghost Of Tom Joad" hat New Jerseys Sohn eines der leisesten
Alben der Musikgeschichte herausgebracht. In seinen Konzerten bedient
er sich ebenfalls dieser Stille, um den Zuhörer zu fesseln. Jedes Wispern
der Stimme und kleinste Streicheln der Gitarrensaite verharrt kurz in der
seltsamen Luft, die sich bald nach Konzertbeginn gebildet hatte. Umso
stärker erscheinen dann die lauten Töne, die rockigen Songs erschlagen
das Publikum fast in ihrer Intensität.

Von Beginn an, mit den ersten Mundharmonika und Gitarrenklängen vom
Titelsong "The Ghost Of Tom Joad", zieht Bruce den Zuhörer in seine
imaginäre Welt. Die alten Klassiker wie "Darkness On The Edge Of
Town" und "Johnny 99" kommen abgeschlackt und rundum erneuert
daher. Was Bruce mit den Arrangements seiner alten Lieder auf dieser
Tour vollbracht hat, ist eines seiner Erfolgsrezepte. Es macht Spass
altbekanntes in völlig neuen Kleider zu sehen. Vorallem wenn sie so
selbstverständlich passen, dass man sich schon fast nicht mehr ans alte
Gewand erinnert. Nach dem Gänsehaut erzeugendem "Nebraska"  kam
mit dem folgendem achten Song die erste Erfrischung fürs gebannte
Publikum. Bevor Springsteen die Leute mit seinem gewagten "Pilgrim Of
The Temple Of Love" amüsierte, brachte er seine zweite Geheimwaffe
ins Spiel. Die erste längere Story dieses Abends erklang. Der
nachfolgende Song habe er direkt aus seinem Tagebuch übernommen,
obwohl er eigentlich gar keines habe. Nicht, dass noch jemandem in den
Sinn käme, den Garten vor seinem Haus auf der Suche nach alten
Aufzeichnungen umzugraben. Er warnte das Publikum vor seinem nun
folgenden "Santa Claus" Song. Kleine Kinder sollten bitte für cirka 10
Minuten die Halle verlassen. Ausserdem erläuterte er auch selbst den
einzigen guten Grund  wieso er nun im Mai einen Weihnachtssong
spiele, ... weil er nun halt an Weihnachten nicht in der Gegend sei.
Danach folgte die fünfte Aufführung dieses brandneuen, völlig
untypischen Springsteen-Songs, indem Santa, es in einem Mazda vor
einem Striplokal, besorgt bekommt.... Ho ho ho, merry fuck you...

Den Uebergang zum "regulaeren" Part der Show machte dann eine der
seltenen Performances von "Red Headed Woman", aufgefrischt mit
zusätzlicher Lyrik. Diese Version mit extended Jodel-Einleitung, liess die
früheren Auftritte recht alt aussehen. Springsteen hat unheimlich viel
gearbeitet an seinem akkustischen Gitarrenspiel. Sicherlich gilt er auch
heute noch nicht als meisterlicher Gitarrero aber verstecken braucht er
sich schon lange nicht mehr. Dies bewies vorallem seine ehemalige
Stadionhymmne "Born In The U.S.A." eindrücklich. Sein langes, fast
zitterhaftes Intro führte perfekt in die bluesigen Töne des bis zur
Unkenntlichkeit, auf die Knochen abgespeckte Version, seines Hits.
Kraftvoll setzte Bruce seine Stimme und die Saiten seiner Gitarre ein um
endlich dem Volk die Botschaft des Songes so rüberzubringen, wie es
wohl einmal gedacht war. Einmalig, einer der musikalischen Höhepunkte
des Abends.

Eindrücklich kam auch Youngstown daher, der wohl am meisten
ausgearbeitete Song auf dem neuen Album. Ueberraschend gut passte
er sich in den kargen Live-Stil ein. Unheimlich, man haette eine fallende
Nadel im voll besetzten Kongresshaus hören können. Sagenhaft,
einmalig. Ab den Zugaben blieb dann Keiner mehr sitzen im Parkett.
Zwischen den Songs gabs standing-ovations für den Mann von der
Ostküste Amerikas.

Der perfekte Schluss eines fast 2,5 Stunden dauernden, grossartigen
Konzertes bildete "The Promised Land". Wäre der Text nicht bekannt,
niemand hätte den Song erkannt. Im Stile von "Dead Man Walking" trug
Springsteen eines seiner besten Lieder vor. Hypnotisch schlägt er den
Takt des Songs auf der Gitarre. Ueberragend seine Stimme. Gänsehaut
pur...

Bruce Springsteen war an diesem Abend speziell gut drauf. Man merkte
ihm den Spass an, den ihm dieser Auftritt machte. Er gab auch
haufenweise Jokes von sich. Erzählte zum Teil neue Anektoden, war
völlig locker. Meine Angst, dass sich die "funny stories" und die etwas
spassigeren Songs, negativ aufs Gesamtkonzept der Show auswirken,
war völlig unbegründet. Im Gegenteil; dieser Auftritt wirkte im ganzen
"Stimmiger" als die frühen Shows der Tournee. Die neue Lockerheit gibt
dem Publikum die Kraft sich mit den ernsten Themen des "Tom Joad"-
Zykluses besser auseinander zusetzen.

Ich könnte noch Stunden (seitenweise) Geschichten und Eindrücke
erzählen, soviele Stories, soviele Details bleiben unerzählt. Macht nichts,
schlussendlich zählt das alles nichts, ausser man war an diesem
magischem 2. Mai einer der Glücklichen, die dem "neuen" Springsteen
zuhören durften.

by Silvio Sidler

The Setlist:
The Ghost Of Tom Joad
Adam Raised A Caine
Straight Time
Highway 29
Darkness On The Edge Of Town
Johnny 99
Nebraska
Pilgrim Of The Temple Of Love
Red Headed Woman
Brothers Under The Bridges
Born In The USA
Dry Lightning
Spare Parts
Youngstown
Sinaloa Cowboys
The Line
Balboa Park
Across The Border
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Bobby Jean
This Hard Land
Streets Of Philadelphia
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Galveston Bay
The Promised Land

Zurich, Kongresshaus - Two live shots from May 2 1996


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